Gorleben ~ Zwischenlager ~ Salzstock ~ Erkundungsbergwerk ~ PKA
Die Legende um den [vom]
Salzstock
Übernommen mit freundlicher Genehmigung von Andreas Maier,
Schriftsteller
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Hätte mich der Teufel persönlich (er ist ein guter Mäeutiker) vor
einem halben Jahr gefragt, was denn eigentlich Gorleben sei, hätte ich
eine diffuse Antwort gegeben. Nun, Gorleben, hätte ich gesagt, das ist
... irgendwo in Norddeutschland, hm ... nach Gorleben kommen die Castor-Transporte aus La Hague. Dort gibt es ein Lager ... ein Lager
für Atommüll. Der Teufel, freundlich: Ein Lager? Was denn für ein
Lager? Dieses Gespräch mit dem Teufel hat allerdings leider nie stattgefunden, es hätte mich nachdenklich gemacht. Seit einem halben Jahr wohne ich im Wendland, in der Nähe von Gorleben. Ich bin etwas fassungslos, wenn ich ver- suche, meine frühere semantische Totalverwirrung zu rekonstruieren. Gorleben ist ein einfaches Phänomen, aber man versteht es offenbar erst, wenn man davor gestanden hat. Gorleben, dieser einfache Sachverhalt, der tatsächlich in nur wenigen Begriffen jedem verständlich gemacht werden kann, ist offenbar bereits für die öffentliche Informationsbenutzeroberfläche viel zu kompliziert. Drei Begriffe auseinanderzuhalten (Zwischenlager, Endlager, Salzstock) ist für uns zu kompliziert. Aber die Geschichte des letzten halben Jahres im einzelnen. Im Juni
kommt jemand, nennen wir ihn der Einfach- heithalber Axel den
Wendländer, zu mir rausgefahren (ich wohne in einem Dorf) und sagt, komm, wir fahren
raus nach Gorleben zum Lager, damit du das mal siehst. Ich sage: Warum
nicht? Also los. Während der folgenden zwei Stunden erinnere ich
mich oft an früher gesehene Fernsehbilder: Um es verständlich zu machen, muss ich hier den Gang eines Castorbehälters von Frankreich nach Gorleben kurz schildern. Vorab aber, was ist ein Castor? Ein Castorbehälter ist eine Metallhülle, in der in Glas eingeschmolzener, hochradioaktiver Müll verpackt ist. Der Castor strahlt Wärme ab, ich glaube etwa einhundertzwanzig Grad. Wirft man ein Ei dagegen, wird es sofort zum Spiegelei, kurze Zeit später ist das Spiegelei aber leider schon ziemlich schwarz. Nun, als in den neunziger Jahren die ersten Eier gegen die Transporte geworfen wurden, hat man beim nächsten Mal eine Plane drüber- geschlagen. Man muss ja nicht noch sehen müssen, dass die Castoren verdammt heiß sind. (Heute reisen sie in schicken Containerhüllen). Die Castoren kommen auf der Schiene über Lüneburg bis an den Rand
der kleinen Ortschaft Breese in der Marsch (gehört zur Stadt
Dannenberg). Dort ist die sogenannte Verladestation, eben jener hohe grüne Turm mit
dem Kran. Dort werden die Castoren in einem stundenlangen Vorgang vom
Zug auf LKWs umgeladen. Denn bis Gorleben gibt es keine weiteren Schienen. Im
Fernsehen hatte ich oft Bilder gesehen von Leuten, die die Abfahrtswege
von dieser Umladestation blockiert hatten. Anschließend geht es in
langsamer Kolonne zum "Zwischenlager" Gorleben. Das ist das
firmenartige Gelände (direkt an der Straße gelegen, von Zäunen, Wachkameras und
Posten umgeben). Bitte? Eine grüne Halle? Wo ist denn da der Salzstock? Nun, das habe ich Axel, den Wendländer, damals auch gefragt. Wir fuhren vom Zwischenlager weiter. Etwa 500 Meter später biegt mein Wendländer in den Wald ab, wir umrunden dort in minutenlanger Fahrt einen riesigen, völlig abgeriegelten, mit meterhohen Mauern umgebenen Bezirk, der wie militärisches Sperrgebiet aussieht. In der Mitte der gewaltigen Anlage sieht man zwei Bohrtürme, einen alten und einen neueren, beide mir diffus aus dem Fernseher bekannt. Unter den Augen der dortigen Wachmannschaft stellt Axel das Auto ab und löst mir endlich das Rätsel. Die Castoren, sagt er, werden die nächsten dreißig oder vierzig Jahre im Zwischenlager stehen (also in der grünen Halle neben der Straße). Dort sollen sie ein wenig auskühlen, und in frühestens circa dreißig Jahren sollen sie geöffnet und der Müll in kleinere "Pollux"-Behälter (sic! Deshalb also "Castor"!) umgebettet werden. Diese kleinen Polluxbehälter sollen dann in den 500 Meter entfernten Salzstock hinabgelassen werden, natürlich nur in dem Fall, dass bis dahin der Salzstock als Endlager für Atommüll genehmigt worden ist. Der Salzstock selbst wird lediglich dahingehend erforscht, ob er sich als Endlager eignet (im Augenblick gibt es ein Erforschungsmoratorium, aber das nur am Rande). Ich reibe mit verwundert die Augen und sage: Moment, Axel, das bedeutet also, dass im Salzstock keine Castoren sind? Nein, sagt Axel noch mal, sie stehen überirdisch in der grünen Kühlhalle, nichts weiter. Es ist kein Castor im Salzstock. Es gibt zur Zeit nicht einmal ein Verfahren, wie die Castoren in dreißig Jahren geöffnet werden sollen, damit der Müll in die Polluxbehälter wandert. Dieses Verfahren wird nun in den nächsten Jahrzehnten erst entwickelt werden müssen, sagt Axel. Ich sage: Das ist ein Witz! Er: Nein, das ist kein Witz. Ein Verfahren muss erst noch entwickelt werden, und das geschieht in einer weiteren Halle auf dem Gelände des Zwischenlagers, in der sogenannten PKA - Pilotkonditionierungsanlage. Sie können keine tonnenschweren Castoren in den Stock hinunterlassen, sie brauchen leichtere Behälter. Das eigenartige Wort Pilotkonditionierungsanlage erstaunte mich schon gar nicht mehr, auch wenn es eher nach Fliegerausbildung klingt. Aber ich war völlig verblüfft darüber, dass mir vorher nicht einmal klar war, dass kein Castor unter der Erde ist und dort die nächsten Jahrzehnte auch nicht hinkommen wird, weil nicht einmal das technische Verfahren dafür zur Verfügung steht, den Müll unter die Erde zu bringen. Wie hatte es zu dieser semantische Verwirrung in meinem Kopf kommen
können? Hatte ich vorher, vor meiner Ankunft im Wendland, die Begriffe
aus Unaufmerksamkeit nicht genügend auseinandergehalten? War es das? Ich
begann außerhalb des Wendlands Leute zu fragen als mäeutischer Teufel.
Ich fragte meinen Vater, meine Freunde, anderweitige Leute, manchmal
fragte ich sogar bei zufälligen Begegnungen mit mir nicht weiter
bekannten Personen. Ich fragte immer dieselbe Frage, es ist die wendländische
Gretchenfrage: Stehen die Castoren unterirdisch oder überirdisch? Das beantwortete aber nicht die Frage nach dem Grund der Verwirrung.
Es zeigte nur das Ausmaß der Verwirrung. Die Republik außerhalb des
Wendlands glaubt offenbar, die Castoren seien unter der Erde. Ich
vermute sogar, der größte Teil der Republik glaubt, Zwischenlager und
Endlager seien identisch (Salzstock). Sie glauben wahrscheinlich: Das
Zwischenlager heißt nur deshalb Zwischenlager, weil es als Endlager
noch nicht genehmigt ist. Und gemeint ist immer der Salzstock. Eine grüne,
überirdische Blechhalle (es sieht aus wie Blech) kommt da gar nicht
vor. Am 11.11. diesen Jahres, Karnevalsbeginn. Mein erster Castortransport, das ist schon was. Haben Sie das mal erlebt? Wenn nicht: Sie haben jedes Jahr Gelegenheit dazu. Kommen Sie mal her, schauen Sie sich das an. Es ist beeindruckend. Sie fahren nach Dannenberg, steigen dort aus dem Bus, und schon kreisen zehn Hubschrauber über Ihnen. Die meinen Sie! Haben Sie mal das Wort Allgemeinverfügung gehört? Waren Sie schon mal erfasst von einer Allgemeinverfügung? Viel Spaß dabei, so was erleben Sie nur hier. Dreizehntausend Polizisten halten einen Landstrich besetzt, von dem überhaupt die wenigsten wissen, wo er liegt. Im Zuge dieses Transportes am 11.11. habe ich zum ersten Mal die
Berichterstattung in den Medien mit bewusstem Ohr verfolgt, mit
wendländischem Ohr, ich kannte ja nun Gorleben. Ich habe an diesem Tag sofort
verstanden, wieso es früher bei mir zu dieser semantischen
Totalverwirrung kommen musste. Eben stehen wir noch, es ist gegen Mitternacht, vor der
Verladestation, wo die brav und tapfer strahlenden Castoren gerade auf
die Laster umgeladen werden, um für die nächsten Jahrzehnte in die
straßenseitige Blechhalle einzufahren. Zehn Minuten später sitzen wir
im Auto, umgeben von zahllosen Polizeibussen, Räumfahrzeugen, mobilen
Scheinwerfer- fahrzeugen, Wasserwerfern etcetera, da hören wir im Radio
Nachrichten. In der Nacht rede ich mit einer Journalistin von der Elbe-Jeetzel-Zeitung. Sie empört sich darüber, dass immer wieder selbsternannte Fachleute in irgendwelchen Gesprächsrunden auftreten und einem dies und das über Ge- fahren und Nichtgefahren erzählen, aber wenn man ihnen die Gretchenfrage stellt ("überirdisch"? "unterirdisch"?), kommt plötzlich ein "äh" oder ein fundiertes und entschiedenes "unterirdisch". Der Wortbetrug geht ins Detail: Ein unwissender Journalist stellte bei einem der vergangenen Transporte einem Sprecher der Betreiber die Frage: "Haben die Castorbehälter jetzt den Salzstock erreicht?" Der Sprecher, in bejahendem Ton: "Die Castoren sind inzwischen in das Zwischenlager eingefahren." So wird das Missverständnis Programm. Wenn für die bundesrepublikanische Bevölkerung sowieso schon alle Castoren immer im Salzstock waren, dann können sie da ja auch bleiben ... dann soll man doch das Endlager einfach genehmigen, denn die Dinger sind ja schon drin. Am nächsten Morgen Radio, wieder hiesiger Sender: Irgendwelche
Landespolitiker diskutieren anlässlich des neuen Transports, und jetzt
wörtlich: Das Zwischenlager kann nie Endlager werden. Es ist eine Halle auf einem ganz anderen Gelände. All das wäre mir, genau wie Ihnen, vor einem halben Jahr nie aufgefallen. In meiner Verzweiflung beginne ich zu telefonieren. Ich rufe wahllos Leute an und frage: Habt ihr gestern Berichte gesehen? Castor? Wendland? Habt ihr? Einhelliges ja. Die Leute haben die Nachrichten geschaut. Sie haben Zeitungen gelesen. Sie wissen, es gab eine kleine Blockade, es waren wieder etwas mehr Leute da als letztes Jahr etcetera. "Wo sind die Castoren?", frage ich. "Salzstock" ist die Antwort. Alle, immer wieder: Salzstock, unterirdisch, wen ich auch anrufe, von Niedersachsen bis Bayern, Salzstock, unterirdisch. (Auch viele Polizisten während des Transports glaubten, es gehe hinab ins Salz. So berichtet die Elbe-Jeetzel-Zeitung am Tag danach.) In der Ecke sitzt zufrieden der Teufel und lacht mich an. In meiner großen Not rufe ich meine Mutter an. Sie liegt gerade im
Bett, Mittagsschlaf. Mutter, sage ich, bitte, hast du gestern fern
geschaut? Sie: Ja, ich habe mir Sorgen um Dich gemacht. All die Polizisten ...
Ich: Egal, mir ist nichts passiert, aber sage mir, sage mir bitte, bitte
sage du mir: Wo sind die Castoren? Sie, nachdenklich: Im
Zwischenlager ... oder im Endlager ... ich weiß es nicht. Ich: Was ist
ein solches Lager? |
<< Andreas Maier,
Schriftsteller - "Stipendiat" des niedersächsischen Kultusministeriums
-
in Schreyahn, Lüchow-Dannenberg (Wendland) 2oo3/2oo4 >>
**** Vielen Dank, Andreas *****
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